Herzlich willkommen zur vierten Ausgabe unseres Newsletters,
schön, dass Sie ihn abonniert haben!
Heute setzen wir uns mit der generativen KI, dem LinkedIn-Algorithmus und mit der Bedeutung von Inhalt und Sprache auseinander. Wir haben viel zu bereden! Als Dienstleister*innen, als Kund*innen, als Bürger*innen in unserer Gesellschaft. Deshalb halten wir die Anmoderation erneut kurz.
Um die verschiedenen Facetten auszuloten, folgen wir wieder unserem bewährten Dreiklang aus Inspiration, Impuls und Information. Aber lesen Sie selbst.
Euch und Ihnen wünschen wir viel Freude bei der Lektüre – verbunden mit herzlichen Grüßen,
Bettina Dornberg und Christoph Berdi
Inspiration – Poesie am Arbeitsplatz
Leise Worte glühn
tragen Welten in den Tag
Wahre Glücksbringer
Wann haben Sie zuletzt ein Gedicht gelesen – geschweige denn selbst eines verfasst? Man mag es kaum glauben, aber es gibt nicht nur den Welttag der Poesie (am 21. März), sondern auch den Tag der Poesie am Arbeitsplatz – dieses Jahr war er am 13. Januar. An diesem Tag darf man Gedichte während der Arbeitszeit verfassen, so die Idee. Darüber hinaus soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Dichter*innen oft einem Brotberuf nachgingen und -gehen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Franz Kafka, E. T. A. Hoffmann, Joseph von Eichendorff. Oder auch Mascha Kaleko, Harper Lee und Toni Morrison – bevor sie berühmt wurden. Nicht zu vergessen die vielen unbekannten und unentdeckten Künstlerinnen und Künstler.
Wir plädieren: Jeder Tag verdient Poesie. Legen Sie sich einen Gedichtband neben Ihr Bett, auf Ihren Schreibtisch oder schauen Sie ins Netz, um täglich eins zu lesen – am besten laut vorlesen. Oder: Sie probieren es mal – wie wir – mit einem der kürzesten Gedichte von Welt, dem traditionellen japanischen Haiku, dem Dreizeiler mit dem klassischen Muster von 5-7-5 Silben.
Aber bitte, überlassen Sie die Kreation nicht einer KI, sondern werden Sie selbst schöpferisch. Wir prophezeien: Poesie tut gut – sei sie rezipiert oder selbst formuliert; sie lädt ein in eine Welt voller Überraschungen.
Impuls – mit LinkedIn ins programmierte Abseits?
Sie haben es vermutlich längst mitbekommen: LinkedIn hat seinen bisherigen Algorithmus abgeschaltet und durch 360Brew, die neue KI-Anwendung, ersetzt. Das bedeutet einen radikalen Systemwechsel. Das formulierte Ziel: mehr fachliche Tiefe und wieder hin zu mehr fachlichem Austausch auf der Plattform.
Wie schafft die KI das? 360Brew analysiert nicht nur Ihren Post, sondern Ihr gesamtes LinkedIn-Profil: Kommentare und Beiträge müssen kongruent zur jeweiligen Profilidentität sein. Am besten konzentriert man sich auf möglichst wenige Themen – höchstens auf drei. LinkedIn analysiert, zu welcher Zielgruppe Ihre Inhalte am besten passen und ob Ihre Kontakte wiederum interessiert sind an Ihren Skills und Ihrer Erfahrung. Soweit – so aktuell.
Nun zu unseren Bedenken und Fragen an Sie:
Wie beurteilen Sie diese Veränderung? Stört Sie auch die künstliche Verengung Ihrer Persönlichkeit, Ihrer Karriere, Ihrer Kompetenzen und Ihres Netzwerks? Gerade Soloselbstständigen und Kreativen mit diversifizierten Biografien wird hier indirekt ein Maulkorb auferlegt. Ihre Reichweite sinkt. Ihre Fähigkeit, tiefgründige Beiträge zu einer Bandbreite an Themen zu verfassen, wird vom Algorithmus abgestraft. Nach dem Motto: „Du hast dein Thema verfehlt!“
- Christoph müsste sich ausschließlich zu Marken und Marketing, zu Handel und ‚Absatzwirtschaft‘ und Journalismus äußern – wobei die Frage wäre, auf welche drei Themen die KI setzt; hier sind schon mehr genannt.
- Bettina dürfte nur zu PR und Journalismus, Stiftungswesen und Weiterbildung sowie zu kommunikationswissenschaftlichen Themen Stellung beziehen.
All das ist schon willkürlich und verkürzt… Und: Natürlich dürften wir beide zu Identität stiften einen Beitrag leisten, wenngleich wir uns fragen, auf welche Adressat*innen die KI in Zukunft setzen wird? Auf alle oder auf niemandem mehr?
Themeneinstimmigkeit ist etwas für Berufs- und Branchenverbände, aber nichts für ein diversifiziertes, berufliches Onlinenetzwerk.
Wie humorvoll man diese Neuerung auch beschreiben und auf zurückeroberte inhaltliche Tiefe hoffen mag: Unsere Kolleg*innen und Auftraggeber*innen, Freund*innen und Bekannten sowie Kooperationspartner*innen der angrenzenden Gewerke oder einfach auch interessierte Menschen aus völlig anderen Branchen werden wir wohl auf LinkedIn nicht mehr verlässlich erreichen:
– Weil die entschiedene Mehrheit der Menschen, die wir kennen, keine Fachidioten sind – wie wir selbst eben auch nicht.
– Weil das fundierte, argumentativ durchaus tiefgründige Kommentieren über den Tellerrand hinaus bei 360Brew durchfällt.
-Weil wir als engagierte Demokrat*innen an Diskursivität über eine größere Themenbandbreite interessiert sind und dazu unseren Beitrag leisten wollen.
– Weil wir zutiefst an Persönlichkeiten und Lebenswege glauben, die weit mehr als nur ein bis drei zu bespielende Themenfelder und vor allem Kompetenzen bereithalten.
Die Alternative wäre, um der Reichweite willen nur noch den Algorithmus zu füttern. Dafür geben wir unsere Identität nicht auf. Vielleicht ist dieser Gedanke ja… befreiend für alle, die in einer ähnlichen Situation stecken wie wir. Jedenfalls gilt: Wer an Reichweite und Likes interssiert ist, kommt um eine neue Balance zwischen beruflichem Profil, persönlichen Ambitionen und Themenfokus nicht herum.
Information – Journalismus schlägt KI
Generative KI hat bereits ganze Branchen verändert und wird sie weiterhin immens verwandeln. Und: Es betrifft unsere Branche. Wir sind persönlich von KI betroffen. Sie nimmt uns – zumindest potenziell – unsere Wertschöpfung. Sie generiert nämlich Inhalte. Content. Und das trifft den Kern unseres Broterwerbs. Das Herzstück unserer Leidenschaft. Das, was wir gelernt haben, worauf wir mit hohem Anspruch hinarbeiten und womit wir so lange hadern, bis wir endlich zufrieden sind. Alle Medien-, Verlags-, Werbe-, PR-, Lektorats-, Übersetzungs- und Kommunikationsdienstleister*innen erleben diesen Effekt.
Das ist die Realität, und das greift uns nicht nur existenziell, sondern auch emotional an. Das geben wir gerne zu, alles andere wäre gelogen. Künstliche Intelligenz ist unsere stärkste Konkurrentin: Nicht etwa, weil sie auf unseren Kompetenzfeldern auch nur annährend so gut wäre wie wir. Das können wir selbstbewusst und auch im Namen vieler Kolleg*innen negieren. Der Grund ist vielmehr, dass präzise und individuell generierte Mehrwerte an Stoffen, an Information, an Geschichten, an kreativem und professionell errungenem Input spürbar weniger gewertschätzt werden.
Das positiv Paradoxe daran ist:
Journalist*innen und Kommunikationsdienstleister*innen haben genau das zu bieten, was Unternehmen unbedingt benötigen, um im KI-Slop nicht unterzugehen oder in der GEO-Suche zu verschwinden. In unserem Fall bedeutet das: Wir holen exklusive Inhalte durch Interviews und O-Töne von echten Menschen ein, entdecken die Geschichte hinter der Geschichte, stellen ein inspirierendes und gut strukturiertes Storytelling auf und legen gezielte und überraschende Recherchen vor.
Und da ist noch mehr: Selbstverständlich benutzen wir KI, lassen uns aber nichts von ihr schreiben und geben die Hoheit über Texte nie auf.
Was wir allerdings tun, ist, als „Gatekeeper“, als „Hüter des Tores über Inhalt, Relevanz und Stil“ – in Anlehnung an die Nachrichtenforschung – für Persönlichkeiten und Unternehmen einzuspringen, die erkannt haben: Content-Qualität zahlt sich aus.
Journalismus und Demokratie
Und um einen noch größeren Kreis zu ziehen: Journalismus hat in unserer Demokratie eine Funktion. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk etwa verfolgt laut Medienstaatsvertrag einen Bildungs- und Kulturauftrag. Zur Ausbildung von Journalist*innen gehört die Selbstverpflichtung auf den Pressekodex und damit auf Sorgfalt, Wahrung der Menschenwürde und Persönlichkeitsrechte. Auch PR-Profis verpflichten sich zu Transparenz, Fairness, Integrität. Die Basis aller PR-Kodizes bilden sowohl der deutsche Kommunikations-Codex als auch die internationalen, wie der Code d’Athènes (1965) oder der Code de Lisbonne (1978).
Warum ist das wichtig? Weil eine demokratische Gesellschaft davon lebt. Der Wahrhaftigkeit und Wahrheit verpflichtet zu sein, das ist all diesen Kodizes gemein. Ein mittlerweile wie verschwundener, unbequemer und antiquiert wirkender Anspruch, oder? Was können wir beide uns spielend an lebhafte Diskussionen unseres Studiums diesbezüglich zurückerinnern! Fakt ist jedoch – Grundstudium erstes Semester –, dass wir überprüfbare Quellen angeben, Information und Meinung fein-säuberlich voneinander abgrenzen sowie Journalismus von Werbung und Marketing trennen. Und vor allem – sollten.
Auch wenn man all diese Werte aufgrund von Medienkonzentration, Lobbyismus, Verlautbarungsjournalismus manches Mal vergeblich sucht sowie Green und Social Washing vermutet, ist diese Berufsethik nicht weniger wert oder etwa obsolet. Im Gegenteil:
KI trennt eben nicht genügend scharf zwischen Wirklichkeit und Fiktion. KI kennt nur Wahrscheinlichkeiten, kein Gewissen.
KI-generierter Content wird nicht authentischer, nur weil er millionenfach rezipiert wird.
Mithilfe des Werkzeugs generativer KI hat sich dieses Potenzial exponentiell vervielfacht: Es ist ein Sog entstanden, in dem der Markt für Glaubwürdigkeit, Vertrauen und belastbare Demokratiediskurse nicht größer wird, sondern kleiner. KI unterscheidet nicht zwischen Manipulation und Information, zwischen Fake-News und professioneller Qualität, sondern integriert in die Antworten immer wieder Fehler, bereits widerlegte Fakten und nivelliert kritische Stimmen.
Kein Content, der mit generativer KI erzeugt wird, ist exklusiv. Was die KI erschafft, ist generisch, statistisch gemittelt und kann von jedem erzeugt werden. Da kann man noch so gut prompten. Sie als Persönlichkeit, Ihre Marke und Ihr Unternehmen können mehr – und haben vor allem mehr verdient. Erst recht gilt das für die Demokratie.